Lärmampel in der Kita-Pasing

Die Kinder üben Rücksichtnahme

Kinder dürfen laut sein. Das steht fest. Was sie im Laufe ihrer Entwicklung lernen, ist Rücksichtnahme. Michael Werner, Leiter der Kita Pasing, hat sich als Handlungswerkzeug für das Thema Lärm die so genannte Lärmampel ausgeliehen und in den Kita-Alltag integriert. Er startete bei den Vorschülern, da erst im Kindergartenalter bei den meisten Kindern die Fähigkeit zur Empathie und damit zur Rücksichtnahme entwickelt ist.

Er erklärt: „Zunächst haben die Vorschüler mit mir gemeinsam die Funktionen der Lärmampel entdeckt. Wir erfuhren, dass die Ampel grün leuchtet, wenn es ruhig ist. Wird es lauter, springt das Licht der Ampel auf Gelb und sobald eine gewisse Schwelle überschritten ist, ertönt ein Hup-Geräusch und sie leuchtet in warnendem Rot.“ Er erinnert sich: „Die Kinder hatten natürlich am Anfang einen Riesen-Spaß mit dem Hupen. Und für eine etwaige Verhaltensänderung fehlte ihnen eine Alternative.“ Er schildert weiter: „Sie spielten, wurden lauter und die Ampel machte ‚Möööp‘. Was sollten sie denn jetzt tun? Das Spiel abbrechen? Und dann?“

Zu Beginn besaßen nur wenige Kinder das Bewusstsein für die eigene Laustärke. Was ist laut? Was ist leise und was macht diese Lautstärke oder Stille mit anderen. Sie befassten sich darum mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Was hören wir, wenn es still ist?

Innerhalb des Lärmampel-Projekts lauschten die Kinder außerdem dem Buch „Upsi und der laute Seebär“. Das Buch behandelt in kindlicher Form das Thema Sensibilisierung für Lärm und seine Folgen: In der Geschichte singt der Seebär immer sehr laut und sein Umfeld leidet unter der Lautstärke. Die Kinder konnten sich alsbald mit den Nachbarn des Seebären identifizieren und beschäftigten sich mit der Fragestellung: „Wann ist es anderen zu laut? Und kann man von Lärm wirklich krank werden?“ Nach der Vorleserunde zählten die Vorschüler dann Symptome auf, die sich aufgrund von Lärmbelästigung bei Menschen oder Tieren zeigen können, wie Kopfschmerzen, Ohrenschmerzen oder Müdigkeit.

Im Anschluss spielten sie das Lauschspiel „Konzert der Stille“. Dafür gingen die Kindergartenkinder gemeinsam in den Garten und spitzten die Ohren: „Was ist draußen alles zu hören, wenn wir ganz leise sind und nur zuhören?“ Flüsternd riefen sie dann aus: „Wind“ und lauschten wieder. „Autos und Vogelbabys“. Stille. „Fahrende Autos, Stimmen“. Etwas lauter nahmen sie dann noch „Ein RRRRRRR!“ und „Getrampel“ wahr.

Wir brauchen Sauerstoff

Zusätzlich zum Lärmlevel zeigt die Ampel auch den Sauerstoffgehalt eines Raumes an. Nachdem Michael Werner diese weitere Funktion den Kindern verständlich erklärt hatte, gaben die Kindergartenkinder Pasing ihr Wissen den Jüngeren weiter. Sie erklärten ihnen, dass die Ampel leuchte, wenn zu wenig Luft zum Atmen im Raum sei. Michael Werner sagt: „Ich war selbst ganz überrascht, wie viel die Kinder schon wussten über die Produktion des Sauerstoffs durch die Pflanzen und auch, dass die Pflanzen im Gegenzug unsere verbrauchte Atemluft wieder benötigten.“ Für die Kinder sei dann ganz klar gewesen, dass die Fenster geöffnet werden müssten, wenn die Ampel es sagt. Selbst die Kleinen verstanden das sehr schnell und wie Michael Werner berichtet, warteten sie schon bald nicht mehr auf den Impuls der Ampel, sondern riefen nach dem Essen sofort: „Fenster auf!“

Und auch die Sache mit dem roten Licht, leuchtete den Krippenkindern ein. So sagte ein Kind: „Die Ampel ärgert sich und wird rot. Da müssen wir leise sein.“ Ein anderes Kind sagte verständnisvoll nickend: „Der Ampel tun die Ohren weh.“ In nur drei Wochen war den Kindern die Ampel ans Herz gewachsen und als Michael Werner erklärte, die Ampel müsse nun anderen Kita-Kindern zeigen, wann es zu laut sei, verabschiedeten sie sich: „Gute Reise, Tschüss Ampel, bring denen das auch bei!“

Die Kita-Kinder von Pasing brauchen die Ampel heute nicht mehr, denn wenn es mal wieder laut wird, dann sagen sie: „Mir ist das zu laut. Ich bekomme Kopfweh, wie die Nachbarn vom Seebär“. Denen ging es viel besser, als der Seebär leiser war. Wobei das nicht heißen soll, dass es in der Kita Pasing nun muxmäuschenstill wäre.  „Es gibt für alles eine Zeit und einen Ort, und wer Schreien möchte, der darf in den Garten gehen“, sagt Michael Werner. „Oder alle schreien beim wilden Spiel gemeinsam, sind aber beim gemeinsamen Zeichnen ruhig.“ Die ErzieherInnen boten den Kindergartenkindern dann auch alternative Spiele an. Und bald schon entwickelte sich „Stille Post“ und „Das Rosarote Telefon*“ zu den neuen Lieblingsspielen. Anschließend wurden die Kinder kreativ und dachten sich selbst weitere Spiele mit festen Regeln aus.

Michael Werner resümiert: „Unser Ziel war: wenn die Lautstärke einen stört, dann nehmen alle Rücksicht. Und dem sind wir schon einen großen Schritt näher gekommen,“ freut er sich.

Parallel zur Schulung der Kinder schützt die Wichtel Akademie die Kinder natürlich auch durch Lärm- und Baumaßnahmen vor fremdem und eigenem Lärm. So sind in verkehrsreichen Gebieten Lärmschutzwände angebracht und alle Einrichtungen sind mit Schallschutzdecken ausgestattet, die den Lärm absorbieren. Und auch die Böden, Teppiche und Vorhänge sorgen dafür, dass die Räume nicht hallen und der Lärmpegel möglichst niedrig bleibt.

*Das Rosarote Telefon geht wie folgt: Alle Kinder stehen auf einer Seite – außer einem Spielmacher-Kind, das auf der anderen Seite steht. Ziel ist, zu dem Spielmacher zu gelangen, auf allen Vieren. Die Kinder dürfen sich aber nur so lange bewegen, wie sie den Spielmacher hören. Der- oder diejenige dreht sich währenddessen und sagt dabei immerfort „Das rosarote Telefon“.