Mein Kind kratzt und beißt mich

Mein Kind kratzt und beißt mich

kratzen beissen paedagogische FragenGerade wurde noch gekuschelt und das Köpfchen hat sich in die Kuhle zwischen Hals und Kopf der Mama gegraben. Ein wundervoller inniger Moment – doch auf einmal ist es vorbei. Zack, ein Kratzer am Hals. Au – ein Biss am Handgelenk. Was ist in den kleinen Racker gefahren? Warum beißen Kinder auf einmal? Und dann auch noch ihre eigenen Eltern?

Zunächst einmal die beruhigende Nachricht, in der sich Fachleute wie Psychologen, Soziologen und Pädagogen einig sind: „Kratzen und Beißen ist bei Kleinkindern nie böse gemeint. Und dient auch nie dazu, die Mutter, den Vater oder die Erzieherin zu verletzen.“  Kleinkinder bis drei Jahren verstünden gar nicht, dass sie jemandem Schmerz zufügen. Erst im Alter zwischen vier und fünf Jahren entwickelten sie die Fähigkeit zur Empathie oder könnten die Perspektive wechseln. Bei Siebenjährigen ist dieses Entwicklungsfenster ungefähr abgeschossen. Lilo Baumann, Krippenexpertin und Leiterin der Personalentwicklung bei der Wichtel Akademie München GmbH sagt: „Wenn Kleinkinder kratzen oder beißen ist es ein Ausdrucksmittel.“ Oft sei es einfach eine weitere Ausdrucksmöglichkeit, die gerade die Kinder, die sprachlich noch eingeschränkt sind, nutzten.

Erziehungsratgeber und pädagogische Fachliteratur zählen zahlreiche Gründe dafür auf, warum Kinder kratzen oder beißen. Sehr oft ist es ein Zeichen der Frustration, die dann in dieser Form der Aggression resultiert.

Wenn das Kind beißt oder kratzt hilft also ein Check:

kratzen beissen paedagogische Fragen 1Ahmt das Kind das Verhalten anderer nach? Was passiert auf der Straße, im Fernseher, zuhause oder was machen die Geschwisterkinder? Nachahmung ist oft die Ursache für das Verhalten der Kinder. (siehe Modell-Lernen nach Albert Bandura)

Welche Bedürfnisse hat das Kind gerade? Kann es noch nicht sprechen und mitteilen, dass etwas gegen seinen Willen läuft und das wurde bislang nicht erkannt? Ist das Kratzen ein Ausdrucksmittel?

Will es seine Kräfte ausprobieren? Testen, wo Grenzen anfangen und lernen, wie weit es gehen kann?

Ist es unterfordert? Überfordert? Erfolgt der neue Impuls zu selten oder zu oft? Prasseln viele neue Informationen auf das Kind ein? Könnte Müdigkeit der Auslöser sein? Ist es kraftlos und erschöpft, kann es sich nicht selbst regulieren.

Ist das Kratzen in dem Fall eine Möglichkeit der Selbstwirksamkeit – was bedeutet, wenn es kratzt erfolgt eine Reaktion (ein Schrei, Aufmerksamkeit oder ein lustiges Erstaunen der Erwachsenen). Dadurch lernt das Kind, dass es mit kratzen oder beißen etwas bewirken kann und freut sich darüber, was bewirkt, dass es wieder kratzt oder beißt.

Ist es enttäuscht von sich, weil es etwas nicht geschafft hat? Und kann mit dieser Enttäuschung nicht umgehen? Ist es also frustriert?

Und warum passiert das zuhause viel häufiger als in der Kita? Warum beißt das Kind die Erzieherin nicht? Warum eher die Eltern?

Je älter Kinder werden, desto größer wird der Wunsch, sich von den Eltern abzugrenzen. Dieses Verlangen ist gegenüber den Erziehern nicht so ausgeprägt. Das ist der eine Grund. Hinzu kommt, dass sich das Verhalten der Eltern und der Erzieher gegenüber den Kindern unterscheidet.

Zuhause nehmen Eltern den Kindern oft die Schwierigkeiten ab, um dem Kind etwas Gutes zu tun. Sie reichen dem Kind die Spielsachen, sie räumen Hindernisse aus dem Weg, heben das Kind sofort auf, wenn es hinfällt und bleiben auch bei Kindern über drei Jahren am Bett bis es eingeschlafen ist. Ziel der Eltern ist es, dass das Kind nie frustriert, sondern stets glücklich ist. Wichtig wäre, den Kindern nur dann zu helfen wenn es nötig ist und ihnen zuzutrauen, dass sie mit Schwierigkeiten fertig werden. Denn sonst entwickeln Kinder zuhause keinerlei Frustrationstoleranz. Kommt es nun zu einer Situation, in der das Kind nicht bekommt, was es erreichen will (Süßigkeiten nach dem Zähneputzen oder nochmal hinlegen, wenn es in die Kita geht), ist es sehr frustriert und reagiert mit einer Form der Aggression – in diesem Fall vielleicht kratzen oder beißen.

Grundsätzlich machen Kinder in ihrer Entwicklung die Erfahrung, dass sie mit Schwierigkeiten fertig werden. Diese Erfahrung ist ein Erfolgserlebnis und stimmt das Kind glücklich und zufrieden.

Was tun? Wie gehen Eltern am besten mit der Situation um, wenn ihr Kind sie beißt oder kratzt?

kratzen beissen paedagogische FragenWie so oft ist Geduld ein guter Begleiter in der Erziehung, aber nur in Kombination mit Konsequenz. Wird das Positive betont, lernen Kinder sehr schnell.

Gebot statt Verbot

In der Kita ist Zähneputzen kein Problem, daheim schon? Oft hilft es (auch wenn es nervt) zu ritualisieren oder ein Spiel daraus zu machen. Singen Sie zum Beispiel das gleiche Zahnputzlied wie in der Kita. In gewissen Entwicklungsphasen hilft es auch den jeweiligen Vorgang in eine Geschichte einzubinden. Außerdem wollen Kinder immer mehr Entscheidungen treffen. Zwar steht nicht zur Diskussion, ob die eine Strumpfhose angezogen wird, aber das Kind könnte sich die Farbe aussuchen. Beim Getränk darf es dann beispielsweise zwischen Tee oder Wasser wählen. Kinder entwickeln einen gewissen Stolz, wenn sie die Entscheidungen treffen dürfen. So unterstützen die Eltern die Selbstwirksamkeit der Kinder.

Eine klare deutliche Ansage hilft dem Kind den Ernst der Lage zu verstehen. Wenn bislang gelacht wurde, wenn das Kleinkind versucht in den Finger zu beißen und auf einmal sind die Muskel stärker und was bislang Spaß war, ist auf einmal verboten, leuchtet das den wenigsten Kindern ein. Egal in welchem Alter, sollte die Ansage immer klar sein und immer deutlich. „Nicht in den Finger beißen!!!“. Dabei immer im Blickkontakt mit dem Kind stehen. Wiederholt das Kind sein Verhalten, hält die Mutter oder der Vater das Händchen des Kindes ruhig fest und wiederholt seine Aussage ruhig, klar und eindeutig. „Nicht in den Finger. Das tut weh. Du kannst ins Brot beißen oder in den Beißring.“ Damit führen die Eltern das Kind zum Mitgefühl hin. Die Ansage sollte genauso eindeutig sein, als stünden die Eltern mit dem Kind an der roten Ampel.

Manchmal staut sich Wut auf, weil etwas nicht gelingt. Irgendetwas ist ihm zu viel und durch Kratzen oder Beißen drückt das Kind sein „nein“ aus. Eltern begleiten es dabei, wenn es seine Emotionen kanalisiert und gestehen dem Kind seine Emotionen zu. „Jetzt bist Du wütend. Und auch ein wenig traurig? Jetzt darfst Du auch wütend sein. Das verstehe ich sehr gut.“

Und es bleibt wichtig für die Eltern, Situationen auszuhalten. Das Kind darf weinen, enttäuscht sein, Verlust erleben. Dann wird es auch immer leichter damit umgehen können. Im Buch „Hauen, beißen, sich vertragen“ von Irmgard Kollmann wird die Leiterin einer Kita zitiert: „Wenn das Kind laufen lernt, freuen sich alle und klatschen. Wenn es den Umgang mit Wut und ähnlichen Emotionen übt sind die Erwachsenen betroffen und das Kind „böse“.“ Dabei sei auch dies ein wichtiger Lernprozess. Und kurz darauf braucht es keine stille Treppe, sondern möchte wieder kuscheln. Da, wo es so gemütlich ist. Am Hals. In der Kuhle.